Mit Sicherheit mehr Innovationen

Mit Sicherheit mehr Innovationen

Was Sie tun können, wenn Sie im Morast des Status quo feststecken

 

„Entschuldigung, wenn ich das so gerade heraussage, aber wenn wir hier Bockmist bauen – dann ist Holland aber wirklich in Not!“

„Die klagen uns ins Nirvana!“

„Ich möchte nicht dafür verantwortlich sein, wenn einem bei Tempo 180 der Reifen platzt!“

Wir schreiben Tag 2 meiner Forschungsexpedition. Ich war ins Unternehmen gerufen worden, um das Problem der mangelnden Innovationskraft der Belegschaft zu lösen: „Wir stecken fest!“, stellte die Geschäftsleitung fest, „Ohne Innovationen halten wir uns nicht am Markt!“ Auf welchem Platz der Herausforderungen steht in Ihrem Betrieb die Sorge, nicht innovativ genug zu sein, im Status quo festzustecken und von den Mitbewerbern überholt zu werden?

In besagtem Unternehmen war dies das Hauptproblem, jedenfalls dachte das die Geschäftsleitung. Und die Verantwortlichen hatten sich die Lösung auch schon viel Geld kosten lassen, hatten ihr Heil unter anderem in agilen Methoden gesucht. Erfolglos. Und das nicht ohne Grund. Denn sie hatten das Problem am falschen Ort gesucht ….

 

Des Pudels Kern

Für mich ist klar: Verstehen kommt vor Veränderung. Deswegen gehe ich in die Unternehmen hinein – und versuche zu verstehen, wie dieses Unternehmen tickt. Ich erforsche die Vergangenheit und Gegenwart des Betriebs. Ich horche in den „Wald hinein“: Was sagt der Flurfunk? Gehe den Vernetzungen der Menschen, Prozesse und Strukturen auf den Grund. Kurz: Ich rede mit den Menschen und höre zu. Und das mache ich auf systematische Weise: Mit meiner ganz eigenen Art von Interviews.

Ich befragte also in besagtem Unternehmen die Mitarbeiter. Quer durch alle Hierarchien. Die Stimmung im Unternehmen war düster. Das Management schimpfte auf die Führungskräfte, die Führungskräfte schimpften auf die Mitarbeiter, bei denen die wiederum waren die oberen Ränge nicht wohlgelitten. Aber: Allen war klar, dass die mangelnde Innovationskraft die Zukunft des Unternehmens verdunkelte.

Doch plötzlich lichtete sich die Szenerie. Plötzlich erblickte ich, nach Stunden im Dickicht, im dunstigen Halbschatten, den Himmel und den Horizont: Hier lag nun des Pudels Kern vor mir. Und nicht die mangelnde Innovationskraft war das Problem – sondern ein durchaus ehrenwertes Sicherheitsdenken.

 

Safety first

Sicherheit war in diesem Unternehmen ein enorm hoher Wert. Denn der Maschinenbaubetrieb hatte seine Hauptkunden in der der Reifenindustrie. Sicherheitsaspekte waren also enorm wichtig. Das Unternehmen verfolgte eine Null-Fehlertoleranz. Und was ich bei meiner Forschungsreise herausfand war:

Diese Null-Fehlertoleranz gehörte ganz klar zur Unternehmenskultur, den Mitarbeitern war sie gewissermaßen zur zweiten Haut geworden. Safety first – und sie waren stolz darauf, dass sie diesem Anspruch auch gerecht wurden. Allen war völlig klar, dass Fehler richtig teuer werden können. Das jeder Bockmist bedeuten kann, dass es zu Unfällen kommt. Dass es zu Regressansprüchen kommen kann, die – wenn sie aus Übersee kommen – unternehmensgefährdend sein können.

Und jeder, der mit einer Mentalität der Null-Fehlertoleranz ausgestattet ist, scheut natürlich Innovationen wie der Teufel das Weihwasser. „Jetzt lasst uns doch mal was Neues ausprobieren …“ – das geht gar nicht.

Und das war das eigentliche „Problem“, dass es anzugehen galt  …

 

Geschützter Ort für Innovationen

Die Erkenntnis, dass das in der Unternehmenskultur verankerte Sicherheitsdenken die gewünschten und notwendigen Innovation behindert, war schon für den ganzen Betrieb augenöffnend.

Aber was jetzt? Um innovativ zu sein, die Sicherheit vernachlässigen? Das geht nicht. Denn das Sicherheitsdenken war ja gleichzeitig ein großer Schatz, den es zu behüten galt. Er gehörte zum Kern des Unternehmens.

Meine Empfehlung, die ich in meinem Forschungsbericht aussprach, war: Schaffen Sie einen geschützten Ort, einen Bereich zum Lernen, der nicht sicherheitsrelevant ist, weil die Ergebnisse diesen Ort nichtverlassen.

Ich schlug eine Differenzierung zwischen Lernfeld und Anwendungsfeld vor: Das Lernfeld ist eben jener geschützte Ort, an dem Innovationen ihren Platz haben, entstehen können, weil hier Sicherheit keine Rolle spielt. Auf das Anwendungsfeld werden nur die Ergebnisse vorgelassen, die sich bewährt haben – denn dort ist der Kunde (und die Sicherheit) dabei.

Und so fand das Unternehmen für sich einen Weg aus der problematischen Lage– ohne den größten Schatz aufgeben zu müssen. Sie fanden einen Weg, mit Sicherheit mehr Innovationen zu generieren.

Ihr Andreas Wecker

PS: Wie gehen Sie mit dem Druck um, innovativer sein zu müssen? Mit dem Gefühl, dass Sie in Ihrem Unternehmen, an Ihrem Unternehmen, Veränderungen initiieren müssen? Ich freue mich auf Ihre Einschätzung – und bin sehr gespannt. Und ich freue mich, dass ich Ihnen an dieser Stelle auf meiner Website nun bald weitere Forschungsberichte präsentieren kann.